
ISBN 978-3-8334-9102-3
Hardcover, 240 Seiten
27,80 Euro
1. Kapitel als PDF-Datei downloaden (97 kb)
10. Kapitel als PDF-Datei downloaden (233 kb)
Als PDF-Datei downloaden (28 kb)

[...]
„Jahre sind inzwischen vergangen“, fing Johannsen plötzlich wieder zu erzählen an. „Teilweise sind die Küstenstädte wieder aufgebaut.“ „Welche Städte zum Beispiel?“, versuchte ich den Dialog in Gang zu bringen. „Ja, Hamburg und auch Köln, seh’ ich.“ „Köln ist eine Küstenstadt?“, fragte ich verwundert. Er nickte nur.
„Was ist denn von Köln noch zu sehen?“ „Nur ein Teil von der Stadt.“ „Und was ist mit dem Kölner Dom?“ Ich wollte ihn hier auf die Probe stellen. Sah er eine oder zwei Kirchturmspitzen aus dem Wasser herausschauen? Ich war sehr gespannt.
Johannsen schien ihn zu suchen, denn seine geschlossenen Augen wanderten hin und her. „Nein, der ist nicht mehr“, sagte er schließlich; kurz danach aber fügte er hinzu: „Doch ein bisschen Turmspitze sieht man noch!“ Da war sie wieder, die eine Turmspitze. Aber warum redet er wieder nur von einer? Ich ließ es allerdings erst einmal dabei und bat ihn, mir nur noch das Wichtigste im Film wiederzugeben.
Er schien es wörtlich zu nehmen, denn plötzlich ging er zu einem ganz neuen Filmabschnitt mit dem Jahre 2070 über. Anscheinend hatte er ganze Abschnitte übersprungen. „Jetzt seh’ ich, dass das Wasser plötzlich wieder zurückgegangen ist“, sagte er. „Das Jahr 2070 ist eingeblendet.“ „Weißt du, warum das Wasser plötzlich zurückgegangen ist?“, fragte ich. „Ja, da steht was geschrieben“, antwortete er. „Im Jahre 2070 erfolgte durch Senkung des Meeresbodens eine ruckartige und schubweise Versickerung des Wassers, sodass verschiedene Küstenstädte, die im Jahre 2055/56/57/58 – dahinter steht ein Fragezeichen! – versunken waren, wieder aufgetaucht sind ...“
„Warum liest du nicht weiter?“, fragte ich. „Weil die Schrift schon wieder weg ist“, beschwerte er sich. „Das geht alles viel zu schnell.“ „Das ist schon okay“, beruhigte ich ihn. „Und was ist jetzt im Film zu sehen?“ „Wie alles verschlammt ist“, sagte er betroffen. „Kahle Baumstummel! – Alte Fahrzeuge! – Gebäudereste! – Die zerstörten Kernkraftwerke! – Alles ragt jetzt aus dem Schlamm heraus.“
Mir schwirrte mehr und mehr der Kopf. „Der Andreasgraben soll sich damals geöffnet haben, stand da geschrieben“, fügte er nachdenklich hinzu. Die Schrift sei nur kurz aufgeleuchtet. „Was genau stand da geschrieben?“, hakte ich nach.
Es fiel ihm überaus schwer, sich zu konzentrieren. „Da steht Wort für Wort: ‚Der Andreasgraben öffnete sich kilometerweit, und austretende Lava hat diesen Graben noch mehr erweitert, so dass immer mehr Meerwasser nachfloss.’ Punkt! Jetzt ist Schrift schon wieder weg.“ „Hmhm?“ – das schien sich also auch mit seinen letzten Progressionsschilderungen zu decken oder besser gesagt zu ergänzen. „Und jetzt seh’ ich den weit aufgerissenen Graben direkt unter mir“, rief er bestürzt aus. „Wieso direkt unter dir?“, fragte ich ganz erstaunt. „Ja, irgendwie bin ich jetzt über diesem weit auseinanderklaffenden Graben im Wasser, der voll von glühender Lava ist“, ereiferte er sich. „Und ich seh’, wie das viele Wasser hineinströmt und verschluckt wird ... – Es kocht und brodelt wie in einer Hexenküche ... – Immer mehr Wasser strömt nach und verdampft ... – Der aufsteigende Dampf verdunkelt die ganze Atmosphäre ...“
Aber wieso ist er jetzt mitten im Filmgeschehen drin? Er sitzt doch vor dem Bildschirm? Aber vielleicht identifiziert er sich so sehr mit den vor seinen Augen ablaufenden Bildern, dass er jetzt mitten im Filmgeschehen ist? Ich ließ es erst einmal dabei, denn meine volle Konzentration war gefordert. Ich wollte dem Phänomen später auf den Grund gehen. „Und was weiter?“, unterbrach ich sein Schweigen. „Der Meeresspiegel senkt sich immer weiter ab und die zurückströmenden Wassermassen reißen Erdreich und Trümmer mit sich“, sagte er entsetzt. „Sie hinterlassen ein verwüstetes mit Schlamm überzogenes Land ...“
Das erinnerte mich an seine Erzählungen von den verwüsteten Küstenstädten, die auf schroffen Felsen standen. „Ja, und jetzt regnet es tagelang. Denn das Wasser, das in die Atmosphäre aufgestiegen ist, muss ja wieder runter ...“ Johannsen erzählte jetzt vom Jahr 2073, das der Film nun zeigte. Die Menschen hätten sich zusammengerauft und alles Zerstörte wieder aufgeräumt und die Trümmer abtransportiert. Die hohen Dämme, die mittlerweile im Landesinnern standen, würden ebenfalls eingerissen und eingeebnet, schließlich brauchte man sie hier nicht mehr.
Ach, das waren also die hohen freistehenden Mauern, von denen er beim letzten Mal gesprochen hatte? Also keine politisch bedingten Mauern. „Und die zerborstenen Atomkraftwerke werden mit riesengroßen Stahl- und Betonplatten ummantelt“, fügte er hinzu.
Mich schauderte, denn wieder musste ich an den verheerenden Atomunfall im Jahre 1986 in Tschernobyl denken, bei dem eine radioaktive Wolke sogar über weite Teile Europas hinunterging. „Denn viele Gebiete sind noch verstrahlt“, meinte er nachdenklich. „Welche zum Beispiel?“ „Sie zeigen jetzt Hannover und Umgebung, das mit hohen Metallzäunen abgesperrt ist. „Und was ist mit Hamburg und Umgebung?“ „So viel ich sehen kann, ist Hamburg weniger verstrahlt. Denn hier wird damit angefangen, Küstenwälle und Hafenanlagen zu bauen ... – Und in der Nähe entstehen ganz moderne Bauten ...“
Johannsen schüttelte sich. „Aber kühl ist es jetzt“, meinte er mit fröstelnder Stimme. „Anscheinend haben sich die Temperaturen wieder normalisiert?“ „Wieso fühlst Du die Kälte, die in dem Film herrscht?“ Ich wunderte mich sehr. Eigentlich saß er doch beim Oberhaupt und schaute sich den Geschichtsfilm an, sollte also das, was im Film gezeigt wird, nicht spüren und fühlen können. „Ja, ich spür’ das richtig, wie sich die Erdatmosphäre erfrischt hat“, sagte er. „So, wie nach einem großen Regen.“ „Wieder diese unmittelbaren Sinnesempfindungen“, wunderte ich mich von neuem. Obwohl er sich diesen Film bloß anschaut? „Da stinkt es auch ein bisschen“, fügte er hinzu. „Ich weiß aber nicht warum? So als würden da Fabriken steh’n. Es sind aber keine da!“ „Warum stinkt es da so?“ „Ja, jetzt weiß ich’s!“, sagte er. „Da gab es irgendwelche chemischen Reaktionen, als sie mit ihren Fahrzeugen alles zusammengeschoben und glattgewalzt haben. – Aber giftig scheinen die Gase nicht zu sein. Denn nichts ist verwelkt und abgestorben. Und Tiere gibt es hier auch.“ „Was denn für Tiere?“ „Flugenten und Flugreiher“, meinte er. „Denn inzwischen haben sich kleine Seen gebildet ...“
Plötzlich fiel mein Blick auf den Kassettenrekorder – auf die fast volle Spule. „Tomas, gleich schaltet sich der Kassettenrekorder ab“, versuchte ich ihn leise vorzuwarnen. „Das hättest du aber nicht zu sagen brauchen“, sagte er sichtlich gereizt. „Ich wollte doch nicht, dass du einen Schreck bekommst“, entschuldigte ich mich.
Das war ein schwerwiegender Fehler. Denn plötzlich richtete er sich erschrocken auf und fragte mich ganz verwirrt: „Oh, wo bin ich denn jetzt eigentlich?“ Mir versagte die Stimme. „Du! Wo war ich denn jetzt?“, bohrte er nach. Er war total durcheinander. Anscheinend verwischten sich bei ihm die Zeitgrenzen so sehr, dass er sich sowohl im „Hier und Jetzt“ als auch noch in der Zukunft gleichzeitig wahrnahm. „Du müsstest noch im Jahre 2800 sein“, kam ich ihm zu Hilfe. „Aber bitte, leg dich wieder hin.“
Er tat, was ich ihm aufgetragen hatte, und nachdem ich mich vergewissert hatte, dass er wieder im Jahre 2800 vor dem Bildschirm saß, auf dem der Filmabschnitt vom Jahr 2073 ablief, führte ich ihn endgültig zurück ins „Hier und Jetzt“.
Als Johannsen seine großen Augen aufschlug, schaute er mich an, als wäre überhaupt nichts Sonderliches vorgefallen. Ganz im Gegenteil! Er erzählte jetzt noch den restlichen Filmabschnitt weiter, als habe er sich in Sekundenschnelle in sein Gedächtnis eingebrannt. Er berichtete von neuen Fabriken, Hafenanlagen und neuen Dämmen, die errichtet wurden, und dass mit der Zeit immer mehr hochmoderne Bauten in die Höhe schossen. Aber auch im Jahre 2076 gäbe es noch weite Landstriche in Europa, in denen wegen der atomaren Verseuchung ein Leben nicht oder nur im beschränkten Maße möglich sei.
Heute trennten wir uns, ohne weitere Sitzungstermine zu vereinbaren, denn ich wollte erst einmal all die Schreckensmeldungen verarbeiten – und schließlich auch in aller Ruhe die Tonbandaufnahmen der letzten Progressionen miteinander vergleichen.
Wie sich herausstellte, waren entgegen meiner Befürchtung keine wesentlichen Widersprüchlichkeiten erkennbar. Ganz im Gegenteil! In der letzten Sitzung kamen sogar viele neue Details ans Tageslicht. Und die wenigen Unstimmigkeiten zwischen beiden Progressionen ließen sich damit erklären, dass der Film – wie sich Johannsen oft beklagte – viel zu schnell vor seinen Augen ablief. Wohl aber auch damit, dass er diesen mit unterschiedlichem Interesse verfolgte. Möglicherweise haben ihn auch meine vielen Zwischenfragen vom eigentlichen Filmgeschehen abgelenkt.
Wieder drängten sich mir die unterschiedlichsten Gedanken auf: „Warum landete eigentlich Tomas – anfangs jedes Mal ganz ohne Absicht – in der Zukunft? Und was hat es mit der rätselhaften Metallplatte im Jahr 2800 auf sich?“ – Die Rückführungen, oder besser Vorausführungen, betrafen ja nicht nur Johannsen alleine. Sein Erzähltes spiegelte eine düstere Zukunft wider, die alle Menschen auf der Welt betraf oder betreffen würde. „Wie sollte ich damit nur umgehen?“, stellte ich mir die berechtigte Frage. Von Johannsen selbst konnte ich mir keine Antwort erhoffen, da die Zukunft der Menschheit ihm nicht sonderlich am Herzen lag – dann schon eher der Erhalt der Artenvielfalt in der Natur, insbesondere der Tierwelt.
Doch mir lag und liegt das Wohl der Menschen am Herzen. Ich konnte nicht so einfach mit dem Wissen, das ich nun besaß, umgehen. Ich musste irgendetwas tun. Aber alleine schon der Gedanke, mit diesem heiklen Thema an die Öffentlichkeit zu gehen, machte mir Angst. Ob man mir glauben würde? Was, wenn nicht? Würde dann genau das passieren, was Johannsen berichtet hatte? Konnte ich überhaupt die Zukunft ändern? Irgendetwas in mir trieb mich jedoch an, die Sitzungen mit Johannsen fortzuführen. Ich ahnte, dass der zukünftigen Menschheit noch weit Schlimmeres bevorstehen würde.
***